Hinweise auf Ausstellungen 

und Einführungstexte von 

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Bernd Baader

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2018 – 2017 – 2015 – 2013 – 2009

OBERSTDORFER 

MUSIKSOMMER

2018

26. JULI – 12. AUGUST

AUSSTELLUNG IM

OBERSTDORF HAUS

Allgäuer Anzeigenblatt   Kritik zur Ausstellung

vom 3. August 2018

DIE FILDERKLINIK

27. MAI – 31. OKTOBER 2018

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24. November 2017 – 31. Januar 2018

Prof. Dr. Clytus Gottwald

Anlässlich der Ausstellung:

– Gesprochenes Wort LESEN

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Tuschebilder von Bernd Baader

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In der Akademie Gesprochenes Wort, Stuttgart

25. September 2009

Lesende Frau im Liegestuhl, 2009 Tusche

Romanversunken, Tusche 2009

Bassist Tusche  2009                            Bassist Tusche  2009

»Landschaften und Lebensbilder«

Aquarell- und Tuschemalerei von Bernd Baader 

im Hospiz St. Martin, Stuttgart 

April September 2013

Das Geheimnis   Aquarell 1990                         

Eine Betrachtung von Anton Seeberger

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Betrachten

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Sie alle sind als Gäste und als Betrachter zur heutigen Ausstellungs-Eröffnung gekommen. Hoffentlich haben Sie Gelegenheit dazu, ausgiebig zu betrachten!  Seltsam, dass die Besucher einer Ausstellung nicht Zuschauer heißen oder Anschauer, obwohl sie ja genau das tun: Bilder, Objekte, Skulpturen anschauen! Das gewichtige Wort vom betrachten möchte ich mit Ihnen ein wenig bedenken! 

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Im geistlichen Leben von Ordensleuten, von Priestern, von Menschen, die sich spirituell bilden wollen, gibt es die geistliche Übung der Betrachtung.  Es ist eher selten ein konkretes Bild, das betrachtet wird; wahrscheinlicher ist, dass eine Begebenheit aus der Heilsgeschichte betrachtet wird oder ein erzähltes Ereignis. Das Handeln Gottes und der Menschen, das Geschehen, das wir Offenbarung nennen, wird nicht bedacht, sondern betrachtet. 

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Im weitesten Sinne hängt das Wort „betrachten“, mit der Wortgruppe „tragen“ zusammen.  Wenn wir ein Bild oder ein Ereignis betrachten, öffnen wir uns für das, was dieses Bild,  dieses Ereignis uns zuträgt an Botschaft, Mitteilung, Erkenntnis. Wir erwägen im Betrachten, wir sinnen nach über das Geschaute, wir lassen uns ins Bild hinein ziehen, wir versenken uns in das Dargestellte, wir kommen vielleicht zu so etwas wie einer innere Anschauung. Der betrachtende Mensch geht davon aus, dass das Dargestellte ihm etwas Wesentliches zuträgt. 

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Bedrohlich Unbekanntes

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Als sie hier herein gekommen sind, da gingen Sie an einem großformatigen Bild links des Eingangs vorbei mit dem Titel Bedrohlich Unbekanntes. Das Bild passt in unser Hospiz, in dem Menschen ihre letze Lebensphase leben, in dem sie und alle, die sie begleiten, das bedrohlich Unbekannte, das über uns alle verhängt ist, bewältigen müssen. Es ist wohltuend, dass dieses bedrohlich Unbekannte nicht nur im dunklen Schwarz gemalt ist, sondern auch  im edlen Gold. 

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Geheimnisse

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Hier im Gruppenraum – jetzt hinter mir – hat der Künstler vier – für seine Verhältnisse großformatige – Bilder gehängt. Von den vier zieht am meisten wohl das an, das den Titel Geheimnis trägt. Drei Männer betrachten dieses Geheimnis. Was sie sehen, sehen wir nicht. Was sie denken, wissen wir nicht. Sie sind aufeinander bezogen. Der eine sieht schon mehr als der andere. Der Linke schaut auf den Rechten. Der Hintere schaut frontal aus dem Bild heraus – wer weiß wohin? Wir kennen das Geheimnis nicht, das sich ihnen erschließt, das sie erschreckt oder staunen macht. Wir würden es als Betrachter gerne wissen. Das Bild ist anziehend, man kommt kaum mehr davon weg! Wir wissen nicht, ob es sich um ein erschreckendes oder erstaunliches Geheimnis handelt, um ein faszinierendes oder ein unheimliches. Ein wahres Geheimnis zieht an – sagt der Theologe – Eberhard Jüngel. „Das wahre Geheimnis zieht an und ins Vertrauen.“ Betrachten Sie ausgiebig, sie werden hinein gezogen in dieses Geheimnis, jeder in sein eigenes, wie die drei auf dem Bild. 

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Geheimnis ist ja das, was nur die Vertrauten wissen; diejenigen, die zum Haus und Heim gehören; diejenigen, die draußen bleiben, erfahren nichts vom Geheimnis. Mag schon sein, dass Lebensbilder heimlich gelebte Augenblicke darstellen und unheimlich erschreckende Momente. Beides ist anziehend. Alles, das sein Geheimnis verloren hat, wird ja schnell langweilig und belanglos. 

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Mich hat am meisten die Zusammenstellung der vier Bilder hinter mir in ihren Bann gezogen und in allen vier Bildern begegnet mir das Geheimnisvolle: 

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Es würde mich brennend interessieren, was die Frau auf ihrem Liegestuhl – völlig relaxt – da liest. Ihr Buch muss anziehend sein und doch entspannend. Welche Geschichte, welche Erkenntnis, welcher Gedanke erweckt so sehr ihre Aufmerksamkeit? 

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Der violette Vulkan ist unheimlich geheimnisvoll. Er ist eher in der Farbe der erkalteten Lava und des erloschenen Feuers gemalt. Aber das Bild des Kraters zieht in die Tiefe, wo es brodelt und kocht und vielleicht bald wieder hervorbricht. 

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Landschaften

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Das leuchtende Frühlingsbild tut mir wohl, jetzt wo der Frühling so lange auf sich warten lässt, ganz besonders! Das Helle, das Gelb, das frische Grün – eine Landschaft, die mir das Geheimnis des Frühlings zuträgt, das ich begehre und doch nicht begreife. Bernd Baader stellt hier Landschaftsbilder aus, die das tiefe Geheimnis von Natur und Vegetation, von Wachsen und Zerfallen ins Bild bringen. Daneben eine Reihe von kleinformatigen Landschaftbildern – diagonale Landschaften – von Menschenhand bearbeitet und kultiviert, sozusagen begehbar gemacht. Aber auch Landschaften die anziehend bedrohlich sind – das Grasland, die Herbstlandschaft, die Landschaft an der Argen vielleicht auch die Stimmungsbilder vom Orta-See, die lichten. 

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Ein einziges Städtebild: Athen! Dort stand die Wiege unserer Kultur und unseres Denkens! Aber die Stadtlandschaft  ist ein wenig diessig, vernebelt, königsbergisch würde es der Philosoph Walter Schulz beschreiben. 

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Musikbilder 

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Musik ist dazu da, dass sie erklingt. Und dennoch hat der Komponist die Musik geschrieben. Was er erlauscht und erhört hat, was ihm ertönt oder erdröhnt ist, was er in Einklang und Zusammenklang gebracht hat, alles das ist geschrieben. Andere machen es hörbar. Ob Bernd Baader Musik schon geschrieben hat, weiß ich nicht. Dass er Musik machen kann, habe ich mit eigenen Ohren gehört. Dass er Musik malen kann, das können sie hier betrachten: Musik ist sichtbar gemacht. Obwohl nur die musizierenden Menschen und ihre Instrumente dargestellt sind:  Klavier, Schlagzeug, Chor, Kontrabass, Vibraphon, Pauken, Triangel, Bratsche, Klarinette, Laute. Schauen Sie die drei Musiker an, deren Bild beim Kopiergerät hängt und es wird ihnen sofort die Triangel oder der Bass im Ohr sein. Schauen sie den Vibraphonisten, sein Instrument, seine vier Schlägel in zwei Händen an und sie werden sogleich mit-swingen. Sie sehen sichtbar gemachte Musik, die einen Widerhall auslöst.  

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Erkannt

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Mir gegenüber hängt ein großformatiges Bild mit dem Titel Erkannt. Zwei Gestalten stehen einander gegenüber, begegnen einander, sind ganz nah und lassen doch Raum zwischen sich. 

Erkennen geht nur, wenn Raum gewährt wird, Abstand möglich ist, aber doch nicht zu weit. 

In allen Begegnungsbildern, in allen Bewegungsbildern geht es um die Gestalt, aber zwischen den Gestalten muss Raum sein, Leere bleiben, ein Dazwischen markiert sein, eine Offenheit, wenn die Leere zwischen den Gestalten fehlt, dann geschehen Begegnungen ohne Begegnung, dann ist kein Dreisprung möglich, keine gelungene Festtafel und nichts Menschliches.  

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Zeichen 

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Bernd Baader ist ein Mann der Zeichen, gerade der Schriftzeichen. Das ist nicht verwunderlich für einen Maler, dessen Schwerpunkt im Graphischen liegt. In der Beschäftigung mit den hebräischen Buchstaben hat er ausgedrückt gefunden, was er vermutlich schon längst vorher wusste und gemalt hat: Das Zeichen eröffnet den Raum des Verstehens. Wenn das Zeichen keinen Raum lässt, wird nichts verstanden. Betrachten Sie seine Bilder, sie lassen viel Raum! Sie tragen viel Botschaft zu! 

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Anton Seeberger 

Stuttgart

Alter Japaner, Tusche, Lumpen 1987

Tanzpaare  Tusche  Feder  1993

Bodensee bei Kressbronn  1999

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Baader-Ausstellung

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Dass ein Mensch, der eigentlich durch musikalische Aktivitäten auffällig geworden ist, dazu ausgeguckt wurde, um zu einer Kunstausstellung etwas zu sagen, kann biographisch erklärt werden. Das Umfeld, in dem Bernd Baader und ich uns begegneten, war der inzwischen untergegangene Süddeutsche Rundfunk, an dem wir beide tätig waren, er als Hausgraphiker und ich als Musikredakteur. Und Graphik und Musik berührten sich dort, wo es z.B. um die Herstellung von Programmheften für die Konzerte Musik unserer Zeit ging. Dieser Kontakt verlief so lange geschäftsmäßig, bis Baader mir eines Tages beichtete, dass er der Neffe des berüchtigten Ober-Dada Johannes Baader sei. Ich hatte zu dieser Zeit, Ende der 60er Jahre, eine Textgraphik von Max Bense, den Rosenschuttplatz, für drei Freunde von der Schola Cantorum musikalisiert, die Bense mit unerschöpflichem Vergnügen gehört hat. Immer wieder engagierte er die Freunde zu allerlei internen und externen Anlässen. Nun war Benses Rekurs auf den Dadaismus keine Einzelerscheinung. Vielmehr erlebte der Dadaismus in der damals neuen Vokalmusik eine geradezu heftige Renaissance: John Cage, selbst ein halber Dadaist, knüpfte beim New Yorker Dada an, während György Ligeti sich auf Schwitters berief. Dieter Schnebel setzte in gewisser Weise den theologisch zentrierten Dada von Hugo Ball fort, während sich Mauricio Kagel gefallen lassen musste, als Neo-Dada apostrophiert zu werden. Nun war der Dadaismus eine primär literarische Erscheinung, wenn er sich dabei auch nicht beschied, sondern ins Musikalische und Szenische hinüber wucherte. Als ich Helmut Heißenbüttel, damals am Rundfunk Redakteur in der literarischen Abteilung, von der anrüchigen Verwandtschaft unseres Hausgraphikers erzählte, hatte das unabsehbare Folgen. Heißenbüttel wollte diese unerwartete dadaistische Quelle für seine Sendungen nutzbar machen, was bei Baader eine nicht nur familiär bestimmte Ahnenforschung auslöste. Und so entdeckte er nicht nur Neues zum Leben seines Onkels, sondern kam mit einer ganzen Reihe von Dada-Forschern in Kontakt, die sich mehr oder weniger intensiv mit dem Ober-Dada beschäftigt hatten. So trug er im Laufe der Jahrzehnte ein stattliches Dada-Archiv zusammen, das hoffentlich einmal in Marbach eine Bleibe finden wird.

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Ohne Zweifel hat die Beschäftigung mit der Produktion seines Onkels bei Baader selbst einen produktiven Schub ausgelöst, in gewissem Sinne das produktive Potenzial der Baaders in ihm aktiviert. Waren es zuerst poetische Aquarelle, zumeist in kleinen, fast privat zu nennenden Formaten, verlor sich mit der Zeit diese atmosphärisch eingesetzte Farbigkeit. Baader ging zu einer Technik des Tuschezeichnens über, die, absichtlich oder nicht, beim Minimalismus dadaistischer Provenienz anknüpft, um ein allgemein bekanntes Exempel dafür zu bemühen. Schwitters arbeitet in seiner Ur-Sonate mit ausgedehnten Iterationen, langen Wiederholungen von Wortklang-Aggregaten. So etwas kehrt bei Baader wieder in Gestalt einer strengen Monothematik. In einer anderen Serie als der heute gezeigten führt Baader das Thema Kontrabassist in einer langen Serie von Zeichnungen durch. Das Thema ist immer das gleiche, aber jede Zeichnung variiert es in einer Weise, die das variative Moment nie so weit treibt, dass das Thema, wie etwa in der Musik Beethovens der Fall, im variativen Prozess untergeht. Baader verzichtet dabei auf die Möglichkeit der Serigraphie, der viele ältere Zeitgenossen wahrscheinlich aus ökonomischen Gründen anhingen. Seine Zeichnungen verweigern sich der mechanischen Reproduktion, obwohl sie diese tendenziell nahe legen.

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Es stellt sich die Frage, ob der Verzicht auf Farbe einem Verzicht auf Ausdruck gleichkommt; denn Farben haben ihre Wirkung darin, dass sie im Zusammenspiel mit anderen Farben interferieren. Das kann beim Betrachter Reaktionen erzeugen, die mit dem Begriff Ausdruck zu belegen wären. Kürzlich besuchte ich das Picasso-Museum in Luzern. Viele der dort ausgestellten Bilder hinterließen einen derb erotischen Eindruck, was nicht allein deren Gegenständlichkeit, den Frauenkörpern, zuzuschreiben wäre, sondern auch den wilden  Farben. Dagegen hatten die in den Nachbarräumen hängenden Bilder von Paul Klee eine gegenteilige Wirkung. Die zarten, fließenden Farben verströmten eine Atmosphäre von Behutsamkeit und Nachsicht, von Offenheit und Toleranz. Wenn Baader auf Farbigkeit verzichtete, so musste er, wollten seine Bilder nicht leer bleiben, den Ausdruck anderswo lokalisieren, in der Variabilität des Striches. Breit mit dem Pinsel Hingworfenes wird gegen fein Verästeltes gesetzt oder durch andere Stricharten vermittelt. Das ruft den Eindruck von Dynamik hervor, obwohl das Bild immer ein Statisches ist. Baader erzählte mir, dass jede dieser Zeichnungen in kürzester Zeit entstanden ist. Das erinnert an den Tachismus, jenen Zweig der modernen Malerei, der daran kenntlich ist, dass eine bestimmte Empfindung durch spontan hingemalte Farbflecken eingefangen werden soll (tachys heißt im Griechischen schnell). Das ist insofern interessant, als plötzlich die Zeit als Parameter der bildnerischen Produktion erscheint. Während sonst Bilder in lang dauernden Prozessen, gleichsam ohne Rücksicht auf die Zeit entstehen, möchte Baader die Zeit selbst in der Statik des Bildes als Spur erhalten. Das ist die musikalische Seite seiner Produktion, nicht nur die ausgedehnte Darstellung des Kontrabassisten.

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Zeichnungen rangieren in größerer Nähe zur Schrift als Ölgemälde, sind vielleicht entwicklungsgeschichtlich älter als die Malerei – man denke an die steinzeitlichen Höhlenzeichnungen von Lascaux. Auch in der Musik gab es Bestrebungen, die Schrift, also die Notenschrift, aber auch die Schreibschrift in Zeichnungen zu abstrahieren. Die Noten blieben solcherweise nicht mehr Zeichen, um den Musiker zur Erzeugung eines bestimmten Tones anzuhalten. Dieter Schnebel hat 1969 ein Buch publiziert, das den Titel trägt: Mono – Musik zum Lesen. Darin hat er Noten und Texte ihrer handwerklichen Semiotik entkleidet und sie als ästhetische Eigenwerte exponiert. Der Leser sollte im Lesen dieser Zeichen ermuntert werden, in der Vorstellung seiner eigenen Musik zu lauschen. Damit sind jedoch zwei Stichworte gefallen, die auf das Thema der heute zur Ausstellung gebrachten Serie von Zeichnungen verweisen: Lesen und Mono. Während in der Kontrabaß-Serie noch eine gewisse Extrovertiertheit in Gestalt eines wenn auch nur imaginativ heraustretenden Klanges herrscht, hat die Serie Lesen einen streng kontemplativen Charakter. Zwar streift Baaders Technik der figürlichen Darstellung auch hier die Grenze zur Abstraktion, aber sie überschreitet sie nicht. Abgebildet wird der Mensch in seinem inneren Dialog mit dem Gelesenen. Selbst da, wo andere Lesende hinzutreten, findet keine Kommunikation statt, er bleibt allein, eben Mono.

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Man sollte jedoch nicht vorschnell in eine Deutung verfallen, die letztlich in einem Lamento über die Vereinsamung des modernen Menschen terminiert. Einsam ist der Mensch allein durch seine Subjektivität. Niemand kann ihm Geburt, Krankheit und Tod abnehmen. Da muss jeder allein durch. Das meint Heideggers Begriff der Geworfenheit. Der Mensch wird in die Welt geworfen, wie einer sein Junges wirft. Er wird in die Welt geworfen, ob er es will oder nicht. Diese Grundbefindlichkeit treibt ihn, immer wieder die Nähe der Anderen zu suchen. Er rottet sich zusammen, lässt keine Hocketse aus, strömt in Konzerte oder ins Stadion. Dort tritt dann etwas ein, was die Verhaltensbiologen Schwarmintelligenz nennen. So wie ein Vogelschwarm ohne erkennbare Befehle und unvermittelt seine Richtung ändert, so vollführen die Menschen in der ähnlichen Situationen wie auf Befehl vergleichbare kollektive Bewegungsabläufe, sie klatschen Beifall, schreien los, werfen die Arme in die Luft. Das Phänomen ist noch nicht gründlich erforscht. Fest steht nur, dass der Einzelne in diesen Situationen seine Einzelheit hinter sich lässt und in einem unberechenbaren Kollektiv aufgeht. Daheim angekommen, kann er sich dann schon wieder mit dem Nachbarn um einen Parkplatz streiten. Zu dieser Verhaltensweise entwerfen Baaders Bilder eine kontemplative Gegenwelt. Dennoch ist diese Gegenwelt nicht frei vom Druck des Kollektiven. Dass es viele sind, die lesend ihre Gegenwelt konstruieren, ist das kollektive Moment, das sie im Getrenntsein verbindet. Das könnte eine der gesellschaftlichen Wahrheiten sein, für die Baaders Zeichnungen ein Zeichen sein wollen.

Michael Maegraith

Einführung zur Ausstellung

10. Mai 2015

Nikolaus Cusanus Haus, Stuttgart

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Bernd Baader  35 Jahre Malerei: 

Aquarell, Tusche, DigitalPrint

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In den 33 Jahren seit seiner ersten Ausstellung hat Bernd Baader um die 40 Ausstellungen gemacht, die meisten davon Einzelausstellungen, z.B. in Berlin, München, Wien, Leipheim, Oberstdorf und natürlich in Stuttgart. Die Ausstellung hier im Nicolaus-Cusanus-Haus heißt »Bernd Baader 35 Jahre Malerei, Aquarell, Tusche, DigitalPaint«. Es handelt sich tatsächlich um eine echte Retrospektive der letzten 35 Jahre.

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Richtig angefangen hat Bernd Baader 1980 mit den ersten Aquarellen. Meist sind es Landschaften; ein paar abstrakte Bilder sind aber auch dabei. Der Wechsel von Aquarell zur Tusche 1984/85 geschah dann ziemlich plötzlich. Bernd Baader überlegte wie er seine Bilder mit Bewegung füllen könnte. Zuerst Pinselarbeiten mit Tusche, dann allerdings ging er relativ bald auf andere Techniken über. Immer wieder suchte er nach neuen Wegen und überlegte, wie weit er gehen könnte mit neuen eigenwilligeren Ausdrucksformen. Die Bilder bekamen einen eigenen Duktus, denn es war nicht möglich, allein zum Beispiel mit dem Kalligraphie-Pinsel weiterzukommen. So kam er auf die Idee Lumpen zu benützen, ja ganz gewöhnliche Lumpen. „Die Lumpen lagen in einer Ecke und ich habe es einfach ausprobiert,“ sagt er.  Er nahm Fetzen, teilte diese durch Reißen und tunkte die Faserspitzen in Farbe, zog sie mehr oder weniger feucht träufelnd über das Papier. Eben das kann man mit dem Pinsel nicht machen. Die Tropfen nutzte er, um feine Striche zu ziehen. Wenn die Fetzen seitwärts flach bewegt werden, entstehen dicke Linien. Mit einem Karton zieht er dann die überflüssige Tusche raus. Alle Lumpenbilder sind gependelt, meist im Stehen, nur bei kleineren Formaten geht es im Sitzen.

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Jedes Bild hat seinen eigenen Strichcharakter und seine eigene Struktur. Der Strichrhythmus hat ihn interessiert, nicht jedes Mal aber hat er die volle Kontrolle über den Lappen – denn man kann nicht immer wissen, wo die Linien laufen. Jedes Bild muss aber doch eine eigene Einheit ergeben. Lumpen können bis zu 10 mal benützt werden. Mit jedem Mal wird die Strichart etwas anders. Bernd Baader ging es um Bewegung in einer etwas unkontrollierten Form. Er versucht sozusagen die Vehemenz der Bewegung auszudrücken. Gerade dieses Spiel mit den Unsicherheiten, die doch in einem geschlossenen Bewegungsrhythmus bzw. in einer geschlossenen Bewegungs-Form kommen, interessiert ihn. Mitte der 80er Jahre entstanden mit Fäden, z.B. Nähfaden, Bilder. Er hat lange Fäden genommen und über das Papier gezogen. Er arbeitete auch mit gelegten Fäden, die vorsichtig nach oben abgezogen werden. Je nachdem wie getränkt die Fäden waren, half er manchmal ein bisschen nach. 

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Dann wechselte Bernd Baader über zur Feder. Schriftfeder. Graphische/kalligraphische Elemente spielten eine Rolle. Er setzte sich auch sehr mit dem Hebräischen auseinander und mit den faszinierenden Besonderheiten der Selbstlaute. Melodie der Vokale halt. Auch mit den japanischen Schriftzeichen und der Sprache befasste er sich. Natürlich auch mit dem Chinesischen. Dann kam kurz darauf die Kalligraphie, oft reduziert auf ein Kürzel, zum Beispiel Zen-Kreise. Selbstverständlich hatte er sich mit Zen auseinandergesetzt, damit er zum Beispiel die Philosophie der Kreise beherrschen konnte. Danach kam Tusche mit Gold, sprich Goldfarbe oder Wischgold – eine Paste die man mehr spachtelt. Ein Paar Jahre später kam eine zweite Goldphase dazu. Es folgten Versuche mit schmaler Feder und Tinte, denn die Feder hat einen ganz anderen Rhythmus. 

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2009 fand eine Leseausstellung statt, so zu verstehen, dass er lesende Menschen malte. Hierzu wandte er eine neue Technik mit ganz breiten Strichen an. Man kann sich vorstellen wie schwierig das war. Die Bilder entwickeln eine Eigenfaszination: die Mischung zwischen breiten und feinen Strichen mit dem breiten Pinsel gemalt.

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Inzwischen, wie wir alle wissen, ist die Welt digital geworden. Bernd Baader hat die Entwicklung umarmt und er geht völlig neue Wege. Er kaufte sich ein iPad. Zuerst als Archivierung für seine Bilder, damit er sie jederzeit in verschiedenen Gruppierungen zeigen kann. Jetzt aber benützt er das Gerät auch als Malinstrument. Er macht damit u.a. Digitalvideos, z.B. das hier gezeigte Streichquartett mit eigener Musik als Begleitung. Am elektronischen Klavier spielt er die Musik dazu. Freie Improvisation. Endlos. Entertainment. Musik und Kunst sichtbar gemacht. 

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Für seine Digitalbilder benützt er zwei iPad-Programme. Die Fingerbewegung auf dem Bildschirm produziert ganz erstaunliche, naturgetreue simulierte Pinselstriche. Übrigens im Zeitalter vor dem Computer wurden seine Entwürfe beim SDR damals gescribbelt. Auch eine Grundlage seines jetzigen Könnens mit dem iPad. 

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Die Digitaltechnik verändert zwar die Welt; die traditionellen Methoden und deren manchmal überraschende Anwendungen bleiben uns aber erhalten, auch Dank eines Bernd Baaders. Gibt es Einflüsse in seiner Arbeit, die sichtbar sind? Eher die neuere Kunst hat ihn indirekt beeinflusst, von den Impressionisten bis zu Picasso. Beeindruckt hat ihn Picassos Großzügigkeit – die Reduktion, das Weglassen hat er sich angeeignet. Er hat ihn aber nie kopiert. Bernd Baader war und ist immer offen, mit einer großen Bandbreite. 

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Fünf Jahre vor Beginn seiner Malerei beschäftigte Bernd Baader sich mit Dada. Einer der Gründer dieser Bewegung war sein Onkel Johannes Baader. Und so entdeckte er nicht nur Neues zum Leben seines Onkels, sondern kam mit einer ganzen Reihe von Dada-Forschern in Kontakt. So trug er im Laufe der Jahrzehnte ein stattliches Dada-Archiv zusammen. Erstaunlicherweise haben die Dadaisten seine Arbeit nicht beeinflusst. Es gibt keine graphische Einflüsse, er hat keine Collagen übernommen. 

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Bernd Baaders Themen sind vielfach. Ich erwähne hier einige, nur um diese Vielfalt zu zeigen. Meist handelt es sich um Serien, Gruppen. Fangen wir an mit Skifahrern, Fliegende Gruppen von Radfahrern. Gruppenbilder, die zeigen z.B. Schweres Tragen, Lasten, Stapel von Kisten, Koffer, Transport. Oder eine Gestalt, die vom Himmel fällt, taumelt nach unten. Oder die schon erwähnten Lesebilder. Eine Serie von 60 bis 70 Bilder. 

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Wie sieht das alles aus, wie wird das umgesetzt? Im Studio kann man so was nicht aufbauen. Man findet es selten auf der Straße. Diese Bilder entstehen hauptsächlich in seiner Vorstellung. Dann gibt es verschiedene Serien mit Musikern: Tuba-Spieler mit Gold. Cellisten. Die Bassisten-Serie. Er liebt es zu zeigen, wie zum Beispiel ein Instrument verschmolzen mit dem Spieler aussehen könnte. Alles reduziert auf ein Minimum. 

Oder Tierbilder – hier sieht man die verschiedenen Rhythmen – Herden oder Reiter, galoppierende Pferde, Mongolische Pferde – mit dem strukturierenden Strich stellt er die Geschwindigkeit dar. Dann kommt der Rhythmus dazu. Im Bild, im Ausdruck, im Strich, in der Farbe, dass man da die Musikalität abspielen kann. Dass Bernd Baader Musik machen kann, haben wir mit eigenen Ohren gehört. Dass er Musik malen kann, das wissen wir jetzt: Musik ist sichtbar geworden. Er malte wenig abstrakte Bilder, eher hat er die Bilder abstrahiert im Gegenständlichen. Er ging in die Tusche und studierte da die Bewegungsdarstellung nicht nur der Menschen. Seien es Tiere seien es Menschen in der Gruppe, er wollte herausfinden, welche Möglichkeiten der Darstellung existieren. In der technischen Umsetzung, über den Pinsel, über die Feder, über die Pendelarbeit, über Digitaltechniken.

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Woher kommen nun die Bilder, die Sie hier sehen oder bald sehen werden? Ganz einfach. Alle Bilder lagern bei Bernd Baader zuhause. Insgesamt reden wir von ca. 3.500. Keine kleine Sache. Bei so vielen Bildern hat er einen großen Bedarf an Papier. Vielfach benützt er Aquarellpapier, Kartone und Kartonreste, sowie Passepartout-Ausschnitte – diese sind übrigens meist kaschiert; mit dem Vorteil, dass das Papier sich nicht wellt und keine Blasen wirft. Außerdem braucht er alle Arten von Kunst-druckpapier und handgeschöpftes Büttenpapier.

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In den meisten Fällen rahmt Bernd Baader die Bilder selbst. Die Passepartouts bestellt er, und in einigen Fällen bearbeitet er sie, damit sie in einen bestimmten Rahmen passen. Eine andere wirklich schöne Arbeit macht er vor jeder Ausstellung, in dem er von ein paar ausgesuchten Bildern Kunstkarten entwirft und druckt. Inzwischen sind es fast 80 Karten geworden. Es sind ideale Karten für Geburtstage, Jahrestage, Glückwünsche, usw. 

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Zum Schluss ein Wort über die Hilfe der nichtmalenden Gattin, Josephine. Ein Künstler ist nichts ohne seine Gattin. Und hier handelt es sich um eine absolut gleichwertige Ehe. Viele unter Ihnen werden von ihrer aufopferungsvollen Arbeit wissen. Als herausragendes Beispiel die Arbeit im Marienhospital – die Palliativstation. Trotz solch aufopfernder Arbeit, hilft sie ihm bei der Auswahl und dem Hängen der Bilder, berät ihn welche Kunstpostkarten er machen sollte, und für die Anwesenden gibt es kulinarische Leckerbissen. Man merkt jedes Mal, wie die Beiden harmonisch zusammenarbeiten. Irgendwo sind sie doch eine Einheit. Das ist das Schöne, dass man zusammenleben kann, dass man etwas teilen kann. 35 Jahre einer wunderbaren künstlerischen Tätigkeit. Danke Josephine und Bernd.

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Michael Maegraith

10. Mai 2015